Ruth Gemeinhardt
Freie Journalistin, München
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Eine Geschichte
eins noch...
Eine Geschichte

Und da liegt also Luttenwang

Es war November, der Himmel tiefgrau und es schüttete wie aus Eimern. „Hoffentlich muss ich heute nicht mehr raus“, dachte ich und griff zu meinem Terminkalender. „Luttenwang“, stand da, „19.30 Uhr, Thema: Zeitgeist“. Oh nein, der Verzweiflung nahe schaute ich in die Sauerei vor meinem Fenster. Wo auch immer Luttenwang liegen mochte, es war von meinem Ausgangspunkt gesehen am Ende der Welt. Aber wo genau? Ich fing zu raten an. Jesenwang klingt so ähnlich, dürfte also in der Nähe liegen Richtung Weltende – hätte doch eine gewisse Logik.
Ich seufzte, zog mich warm an, griff zu Block, Bleistift und Autoschlüssel und machte mich auf den Weg. Kaum lag Mammendorf hinter mir, schien sich die bewohnte Gegend an sich im Nichts aufgelöst zu haben. Es nebelte, dass man keine Armlänge weit sah, falls es hier überhaupt jemals etwas zu sehen gegeben hatte. Der Regen ging in heftigen Schneeregen über und ich kämpfte mich mehr blind als sehend durch eine endlos dauernde Waldstrecke. „Jetzt bitte nicht liegen bleiben“, flehte ich mein Auto an, „immer, aber nicht jetzt“. Außer mir schien niemand zu existieren. „Kein Schwein fährt bei diesem Wetter in ein Drei-Häuser-Kaff namens Luttenwang“, schimpfte ich laut vor mich hin um zu hören, dass wenigstens ich noch da bin. Vermutlich kann ich mich mit dem Referenten allein über den Zeitgeist unterhalten.
Ziemlich intuitiv und chaotisch bog ich von Zeit zu Zeit mal in die eine oder andere Richtung ab und bei jedem Anblick von Häusern überschwemmte mich ein Glücksgefühl. Plötzlich tauchte aus der Finsternis ein Schild auf: Luttenwang. Das gibt es also wirklich. Das Gasthaus wird nicht schwer zu finden sein, im Zweifelsfall neben der Kirche – nur nicht zu schnell fahren, sonst ist man wieder draußen. „Ach du liebe Zeit, eine Hochzeit“, stöhnte ich beim Anblick von mehreren Dutzend Autos und einem riesigen Bus am Parkplatz vor dem einzigen Gasthaus. Ziemlich erledigt und entnervt stieg ich aus und fragte bei der Wirtin nach dem Referenten. Sie wies mich in den ersten Stock. Dort betrat ich einen großen Saal und stand vor über hundert Gästen, die schon sehnsüchtig auf die Presse warteten. „Das ist aber schön, dass Sie sich für unser Thema Zeitgeist interessieren“, begrüßte mich ein ziemlich betagter Referent. Ich ließ mich auf den nächsten Stuhl fallen und fragte verblüfft: “Wo um alles in der Welt haben Sie bei diesem Scheißwetter all die Gäste her?“. Über die Sinnigkeit des Themas ließ ich mich lieber nicht aus.
„Ach wissen Sie“, lachte er, diese Reihe veranstaltet das Brucker Forum. Die schicken einen Reisebus durch die Ortschaften, der holt die Leute ab und bringt sie wieder nach Hause“.
Es war mein letzter Einsatz westlich von Fürstenfeldbruck.  

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